Montag, März 13, 2006

Pathos und das deutsche Fernsehen

Ich musste gestern Abend mal wieder feststellen, was das Pathetischste im deutschen Fernsehen so ist. So pathetisch, dass keine noch so schnulzige Liebesschmonzette dagegen ankann. Die Vater-Sohn-Beziehung. Vater und Sohn stehen sich gegenüber. Totale. Vielleicht regnet es. Jedenfalls stehen sie sich sehr nah gegenüber (so nah, dass die beiden Gesichter wunderbar versetzt den Bildschirm ausfüllen können und der verzückte Zuschauer Zeuge wahrer männlicher Gefühle sein kann - wenn er denn will und nicht entnervt umschaltet). Die beiden stehen sich also gegenüber und der Vater spricht. Oder der Sohn. Das ist eigentlich egal, Hauptsache, es handelt sich um ein Gespräch unter Männern. Das bedeutet: Einer spricht und der andere schweigt andächtig. Vielleicht nickt er auch. Aber bitte nicht zu exaltiert, schließlich handelt es sich um Männer. Unterlegt wird das Ganze von einer kitschigen Blumenmusik, die an Kaufhausberieselung, sprich Audio-Verblödung, erinnert. In Daily Soaps ist dieses herrliche Stilmittel an der Tagesordnung, doch es schleicht sich oft auch in andere Programmgegenden - wie in den Tatort gestern.

Da möchte ich in Ruhe einen schönen Krimi sehen und werde durch derartige Kuschel-Propaganda von der eigentlichen Story abgelenkt... Moment, ich fürchte das WAR die eigentliche Story. Es tauchten reihenweise enttäuschte Väter (von Söhnen, das versteht sich von selbst!) auf, denen leider von einer frustrierten Scheidungsanwältin das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen wurde (die böse Exfrau mit ihrem neuen Liebhaber beschlagnahmt das Kind für sich) und die brav Unterhalt zahlen (im Fernsehen tun das wohl mindestens 90%, in der Realität sind es weniger als die Hälfte. Aber Wirklichkeit stört wohl in solch einer Vater-Sohn-Romanze) und sich in Selbsthilfegruppen organisieren, um zu Fuß nach Rom zum Papst zu wandern. Dort wollen sie dann quasi von Vater zu Vater sprechen. Ja, was die armen Väter so alles auf sich nehmen. Zu Fuß nach Italien, das stelle sich mal eine vor! Da kann man es auch schon verstehen, dass diese armen vom Schicksal gebeutelten Männer mal ein wenig ausrasten, sie können halt mit ihren überschäumenden Vatergefühlen nicht umgehen. Da wird die Polizistin eben mal mit Tränengas maltretiert und eine ganze Brandserie gestartet. Fünf Minuten des ganzen Krimis werden dann auch noch dafür verschwendet, dass Vater und Sohn vereint und glücklich gezeigt werden, während sie sich im Zoo die ganzen niedlichen Tierchen ansehen, unterlegt mit Musik... na, mit welcher wohl? Richtig, das Kaufhaus. Tja, und so soll die Zuschauerin es dem Ersten abkaufen, dass der Brandstifter gut mit seinem Sohn klar kommt und doch so ein guter Vater ist.

Schlimm genug, aber es kommt noch schlimmer. Nachdem der Mann sich in seinem Waffengeschäft (!) verschanzt hat und das SEK gerufen wurde, geht der selbstherrliche Kommissar (Typ Einsamer Wolf, leicht lädiert) allein in die Höhle des Brandstifters, denn "Auch ich habe einen Sohn". Ja, ein Gespräch unter Männern löst den Konflikt und hält den Verzweifelten schließlich von seinem Freitod ab. Und... er weint, während draußen herzzerreißend und hirnerweichend der Sohn "Papa! Papa!" ruft. Selbst die böse Exehefrau sieht ein, dass sie gegen derartige Gefühle nichts ausrichten kann und zurückstecken muss: Sie besucht den Mann mit ihrem Sohn im Gefängnis. Der arme Mann, eigentlich ist er doch das Opfer... und nun muss er im Gefängnis von seinem Sohn träumen.

Schön war auch die Parallelhandlung. Die Tochter der besagten ermordeten Scheidungsanwältin ist mit dem Exfreund ihrer Mutter zusammen, schließlich "hat sie angefangen", indem sie ihr so früh den Vater genommen habe. Der Freund schließlich konnte nicht mehr länger mit der frustrierten, verletzten Frau zusammen sein und hat sich an die junge falten- und verletzungsfreie Version gewandt. Wer will schon was Altes, wenn er was Neueres haben kann? Und es ist ja so folgerichtig, dass die von den Männern enttäuschte Frau als Scheidungsanwältin unerbittlich gegen Männer kämpft (wobei das doch nur arme Würstchen sind, die dann leider Brände legen müssen, weil sie nicht klar kommen). Klar, dass es mit so einer Xanthippe niemand aushält. Und als diese ihre Tochter dann auch noch beschimpft, dass sie genauso schlimm wie ihr Vater sei (der doch eigentlich nur ein verhinderter guter Vater ist), muss die Tochter sie dann leider aus dem Weg räumen.

Hat sich nicht alles wunderbar zum Guten gewendet?

4 Kommentare:

Micha hat gesagt…

Da ich den Tatort gestern auch, zumindest zum größten Teil, gesehen habe muss ich hier auch meine Meinung dazu abgeben, denn ich finde du gehst doch etwas zu hart mit diesem Film ins gericht.
Ich fand ihn im Grunde nicht schlecht, auch wenn er die Thematik nicht wirklich gut rüber gebracht hat, aber auch nen Tatort darf mal an derartig komplezen Themen scheitern.
Das dieses Thema schwierig und komplez ist sieht man ja schon an deiner Reaktion.
Ich will jetzt versuchen hier nicht die alten "Mann vs. Frau" Fronten auf zu machen, sondern mag viel lieber erzählen was mir persönlich bitter aufgestoßen ist und das sind vor allem 2 Szenen die in deiner Kritik gar keine Rolle gespielt haben.

1. Szene:
Zwei Polizisten und eine Polizistin sitzen gemeinsam in einem Café und trinken zeitgemäße, koffeienhaltige, warme Getränke.
Gesprächsthema dieser Szene ist der aktuelle Ermittlungsstand, wobei es sich dann auch recht bald auf die Frage "guter Vater, böse Mutter oder andersrum?" verlagerte.
Ich fand dieses Gespräch dermaßen schwach. Auf beiden Seiten wurden in meinen Augen sehr extreme Positionen eingenommen, ohne dass der Film irgendwann nochmal näher darauf eingeht. Er kommt eben nicht zu dem Schluss, dass es hier weder schwarz noch weiß gibt. Es fällt einfach hinten über.

2. Szene:
Auf diese bist du schon fast eingegangen, denn es geht um das Verhältnis zwischen einem der Kommisare und seiner Chefin (?).
Diese regte sich ständig über sein machohaftes Verhalten auf, so eben auch in der Situation wo er zu ihr meint "Ich bin auch ein Vater!".
Doch was passiert am Ende?
Bekommt er sein "Diszi" wie man es vielleicht erwarten könnte?
NEIN! Es kommt ganz anders:
ER ist zu Hause, es klingelt an der Tür und er macht auf. Vor der Tür steht SIE, noch immer sauer. SIE kommt rein und wirft ihm dabei die ganze Zeit vor was er denn alles falsch gemacht hat.
Bis jetzt ist noch alles okay, aber was passiert dann?
Wie in einem schlechten Hollywoodfilm küsst er sie einfach und sie schmilzt in seinen Armen dahin, während er anfängt anfängt sie zu entkleiden.
Was ist das denn bitte?
Ich war wirklich geschockt!

Was in diesem Film übrigens auch einfach so hin genommen hat ist, dass der andere Kommisar quasi permanent gegen geltendes Recht verstoßen hat, indem er Einbruch u.a. begangen hat, aber da es ja darum ging einen kriminellen zu fassen passt das scho!....

Das sind so die Punkte an denen ich echte Probleme mit dem Film hatte, aber nun nochmal zurück zu der Vater-Mutter-Kind-Problematik:
Ich glaube durchaus, dass Männer hier in einer schwierigen Position sind. Ob das in dem Film passend dargestellt wurde ist wieder eine andere Frage und dass Frauen wohl bei einer Trennung oder einer ungewollten Schwangerschaft in den meisten aller Fällen das schwerere Los trifft ist für mich auch kein Streitpunkt, aber es kommt eben auch vor, dass der Mann zu Unrecht benachteiligt wird und ich glaube das kommt heufiger vor als man denkt.
Seltener als bei Frauen, aber es sind ganz sicher auch keine Einzelfälle.
Ich kann mir für mich durchaus vorstellen, dass ich in eine solche Situation geraten könnte.

In diesem Sinne. :)
Micha

P.S. Ruf mich doch ma wieder an!

Jenni hat gesagt…

Lustig, ich hab den Tatort auch gesehen und musste dabei an dich denken!
Mal ganz davon abgesehen, dass ich den Tatort auch auf jeden Fall als einen der schwächeren ansehen würde, fand ich gerade auch die von Micha schon angesprochene letzte Szene zw. dem Kommissar und der Staatsanwältin (war sie glaub ich) wohl wirklich grottenschlecht. Ich fühlte mich dabei nicht an einen typischen Tatort, sondern eher an irgendeinen actiongeladenen Privatsender-"Krimi" erinnert, wo ja ständig irgendwelche testosterongesteuerten Machos durch's Bild hüpfen. Bäh...

daniela hat gesagt…

Hab den Tatort auch gesehen und ihn geistig nur überlebt, weil ich nebenbei Essen gekocht und Anno 1602 gespielt habe.

Warum sind die Norddeutschen Tatorte eigentlich nur so "stets bemüht"? *grusel*

Anonym hat gesagt…

Unter anderem deshalb schaue ich auch keine Tatorte...
LG!