Gestern war ich im Schauspielhaus. Endlich mal wieder. Nicht, dass ich es mir nicht schon sehr lange immer mal wieder vorgenommen hätte. Romeo und Julia. Wie klassisch. Ich war auf Einiges gefasst. Romeo und Julia kann schließlich nicht einfach geradewegs von Shakespeare übernommen werden.
Der erste Teil war auch recht einfallsreich. Statt "Die Pest auf eure beiden Häuser" heißts dann eben "Scheiß auf eure beiden Häuser". Schon originell. Das Ganze war durchsetzt mit Witzen über Christen und Moslems (ja, deswegen waren die Montagues und die Capulets verfeindet, wer mag es glauben), so dass viele nicht mehr aufhören konnten zu lachen. Ich weiß allerdings nicht, warum eine Hitler-Rede und ein Bericht über Osama bin Laden eingespielt werden mussten.
Nach der Pause drehte dann Julias Vater völlig ab. "An sechs Tagen schuf Gott die Erde, am siebten kotzte er in die Ecke". Nun gut. Er musste in jedem Satz mindestens einmal "verdammte Scheiße", "Ficken" oder "Arschloch" sagen. Ok. Aber als er dann zu einer Schimpfarie auf seine Tochter anhob, die sowieso doch eigentlich "weggemacht" werden sollte, als seine Frau "trächtig" war, hörte es dann auch schon auf mit dem Originellen. Julia sei eine "Schlampe" und "rollige Sau". Sie jammere dauernd herum, zu jung zu sein (sie meinte zum Heiraten). "Zu jung wozu? Zum Ficken?". Danach bemerkte er messerscharf, dass alles, was sie bräuchte ein Schwanz sei.
Das alles sollte wohl provozieren. Und um das zu erreichen, muss die Dosis eben immer weiter erhöht werden. Die Sache ist aber einfach die, dass es irgendwann einfach nur noch langweilt. Das Stück möchte auf Teufel komm raus provozieren, es weckte in mir aber eher den Wunsch, aufzustehen und ein "laaaaaaaaaaaaaaaaaaangweilig" in die Runde zu werfen. Ach ja, natürlich mussten Romeo und Julia sich auf ihrem Totenbett auch noch ausziehen. Und es gibt tatsächlich noch Leute, die nackte Menschen auf der Bühne empörend finden. Romeo und Julia sind dann auch nicht gestorben.
Ich bin verzweifelt auf der Suche nach einer Aussage, aber ich vermag sie einfach nicht zu entdecken. Ich finde es mutig vom heiligen Shakespeare-Text abzuweichen. Aber abweichen heißt nicht, das Stück irgendwie umzuschreiben, nur um zu provozieren.
Nach der Vorstellung mussten die Leute dann sehr käftig und ausgiebig klatschen, schließlich ist man ja kein Kulturbanause und auf keinen Fall VERKLEMMT. Das muss ausgiebig demonstriert werden. Das Stück muss gefallen, der eigene Geschmack hingegen verleugnet werden.
Die SchauspielerInnen haben allesamt sehr gut gespielt und die Fürstin hatte eine Wünsch-Frisur. (Schließlich möchte ich auch etwas Positives anmerken können.)
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2 Kommentare:
Ich mag ja ne Menge Dinge an Frau Wünsch,aber an die Haare hätte ich jetzt nicht gedacht.
Danke für die Info, werde da bestimmt nicht hingehen *schauder*
Bei dem Bericht schaudert es auch mir... wie kann man nur so roh zu einem Stück sein?
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