Ja, zur Zeit beglücke ich die Deutsche Bahn sehr häufig. So häufig, dass mich manchmal ein leises Gefühl beschleicht, mein Leben in Zügen zuzubringen. Die Bahn kommt - der Spaß geht. Wobei ich Fahrten im ICE - dem Bonzenzug - durchaus genießen kann. Mehr Ruhe, mehr Platz, klimatisierte 'Großraumwagen' (genauso seltsam wie 'Großraumdisco') und -ha!- Buchsen für Kopfhörer (die erfreute Reisende kann Hörbücher oder schlicht Radio hören, komische Regionalsender, von denen sie noch nie gehört hat).
Fahrten im Regionalexpress (hört sich bei weitem besser an als er ist) kommen leider häufiger vor. Irgendwie spielen sich immer wieder die gleichen Szenerien ab, wenn auch in Variationen. Schön ist es vor allem, die meistfrequentierteste Strecke Schleswig-Holsteins zu nutzen: Hamburg-Lübeck, Lübeck-Hamburg. Das ist leider auch die Strecke, die ich am meisten fahre.
Schon beim Einsteigen an den End- bzw. Anfangsstationen fängt der Spaß an. Panische Seniorinnen mit dem "ich bin über 80, lasst mich hier durch"-Gesichtsausdruck stürzen mit Stöcken bewaffnet in die Wagen ohne die Masse auch nur vorher aussteigen zu lassen. Der Zug könnte sie ja am Bahnhof zurücklassen und sie haben doch keine Zeit! In Reaktion darauf ertönt aus mehreren Ecken ein passiv aggressives Grummeln: Es gibt auch Leute, die aussteigen wollen! Lassen Sie uns erst mal raus.
Zudem gibt es dann noch die Damen mittleren Alters, die sich unsicher umsehen, und meist mich fragen: Ist das der Zug nach Lübeck? (Große Anzeigetafel, kleine Anzeigetafel am Gleis und Ankunftsübersicht reichen nicht als Sicherheit.)
Lustig sind diese Frauen besonders grüppchenweise, die einen ach so witzigen Ausflug mit der Deutschen Bahn unternehmen und das Sektfrühstück während der Fahrt zu sich nehmen - ohne Brötchen und durch den Wagen schwankend. Ich glaube, die Witze kann man nur verstehen, wenn man zur gleichen Generation gehört.
Die besonders wichtigen Geschäftsmenschen fahren natürlich auch mit dem Regionalexpress und führen ihre besonders wichtigen Geschäftstelefonate, in denen es um besonders viel Geld geht, während der Fahrt.
Da die Züge auf dieser Strecke meist überfüllt sind, sitzt frau unweigerlich neben einem Mitreisenden. Und ich habe das Glück, dass diese Menschen mir mit Vergnügen ihre halbe Lebensgeschichte erzählen. Das sind meist Dinge, die ich gar nicht wissen will: Diabetes; die Mutter, die sehnsüchtig darauf wartet, dass ihre 20-jährige Tochter 'ihr' doch endlich Enkelkinder schenke, wozu habe sie denn ihren André?; die drei Abtreibungen einer höchstens 16-Jährigen. Okay... das waren die besonders nervigen Beispiele. Ich muss auch zugeben, dass solche Gespräche manchmal doch ganz interessant sein können. Als eine Art Sozialpraktikum kann ich mir das schon anrechnen lassen, finde ich.
Neulich wurde ich Zeugin einer Betrugsaktion, die das Opfer - offensichtlich eine naive, gutgläubige, aber nicht minder empörte Frau aus der Provinz, die sich mit der bösen Großstadtrealität konfrontiert sieht - zutiefst verunsicherte. Sie wollte auf einem Gruppenticket mitfahren. Der junge Mann kassierte ihre 5 Euro und kurz bevor die Zugtüren schlossen, sprang er aus dem Wagen und ließ die arme, fahrscheinlose Frau sitzen, die sich dann - wie sie meinte noch im Rahmen der political correctness - echauffierte. Sie habe ja nichts gegen Ausländer, aber ... Überhaupt sah der ja schon so komisch aus. Man könne eben niemandem mehr vertrauen.
Dass ihr eine Mitreisende angeboten hatte, ihr einen Zuschuss zu einem neuen Fahrschein zu schenken, blendete sie geschickt aus.
Ja, die böse Zug-Mafia. Es gibt Menschen, die fahren mit einem Gruppenticket den ganzen Tag diese Strecke hin und her und kassieren von anderen Menschen Mitfahrerbeiträge. Mir tun diese eher Leid: Wer den ganzen Tag auf dieser Stecke mit solchen Mitreisenden zubringt, muss früher oder später einen Vollschaden bekommen.
Mittwoch, Januar 04, 2006
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